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Lesedauer 4 Min.

Die Qual der Wahl bei den GUI-Frameworks für .NET

Über die Vielfalt der GUI-Frameworks im .NET-Ökosystem – und warum die Fragmentierung gar nicht so schlecht ist, wie viele denken. .NET-Experte Dr. Holger Schwichtenberg im Interview.

Ein neues .NET-Projekt steht an und die erste Frage lautet "Womit bauen wir die Oberfläche?". WPF? Zu alt. MAUI? Noch nicht ausgereift. Blazor? Aber ich will doch Desktop! Avalonia? Klingt spannend, aber ist das nicht Risiko? Dr. Holger Schwichtenberg hat im Interview am Rande der .NET Developer Conference (DDC) genau über diese Qual der Wahl gesprochen – und dabei auch mit ein paar Vorurteilen aufgeräumt.

Fragmentierung? War nie so geplant!

Die massive Auswahl an GUI-Frameworks bei Microsoft ist kein strategischer Masterplan, sondern historisch gewachsen. WPF, die Windows Presentation Foundation, sollte ursprünglich Windows Forms ablösen – soweit der Plan. Doch dann kam die Windows-Abteilung mit Metro/UWP um die Ecke (hausinterner Wettbewerb?), und parallel dazu kaufte Microsoft 2016 Xamarin auf, woraus später MAUI wurde.

Das Ergebnis: Ein bunter Gemischtwarenladen, in dem verschiedene Frameworks unterschiedliche Namen für die gleichen Dinge verwenden. Entry statt TextBox bei MAUI? Danke, Xamarin! Das macht die Sache nicht gerade einfacher.

Blazor ist Stand heute die kompletteste Lösung

Wenn Du wirklich cross-platform unterwegs sein willst und dabei im Microsoft-Kosmos bleiben möchtest, führt aktuell kein Weg an Blazor vorbei. Damit erreichst Du Browser, Windows, macOS, iOS, Android und sogar Tizen. Einziger Haken: Der Linux-Desktop fehlt noch.

MAUI allein schafft das nicht – zumindest nicht in den Browser. Aber hier wird's spannend: Am 11. November (pünktlich zum .NET 10 Release) kündigte Avalonia an, künftig als alternative Basis für MAUI zu dienen. Wenn das 2026 soweit ist, hast Du eine echte Alternative: MAUI mit XAML-Code kombiniert mit dem Avalonia-Unterbau – und plötzlich erreichst Du alle Plattformen.

Technisch können sowohl Avalonia als auch Uno bereits heute alle Plattformen abdecken. Trotzdem setzen sie sich nicht so richtig durch. Der Grund ist weniger technisch als vielmehr psychologisch: Vertrauen. Viele Unternehmen scheuen sich, ihr Business auf Frameworks kleinerer Firmen (Uno aus Kanada, Avalonia aus Estland mit je ca. 30 Mitarbeitern) aufzubauen. Die Angst: Was ist in fünf Jahren? Auch wenn beide Open Source sind – wer will schon ein Framework selbst weiterbetreiben?

Dabei gibt's auch gute Gegenargumente: Microsoft hat in der Vergangenheit auch schon Frameworks über Nacht eingestampft. Bestes Beispiel: Silverlight. 

WPF und Windows Forms? Quicklebendig!

Entgegen aller Totgesagten-Meldungen investiert Microsoft weiterhin in WPF und Windows Forms. Und zwar nicht nur minimal:

  • Fluent Design für WPF – modernes Look & Feel mit einem Schalter
  • GPU-beschleunigtes Rendering – endlich schnelle WPF-Apps auf Terminal-Servern
  • MVVM-Support für Windows Forms – gleiche ViewModels wie in WPF
  • Dark Mode für Windows Forms – weil 2025 eben alle Dark Mode wollen

Holgers Meinung: Die Konstanz ist bemerkenswert. Kein einziges .NET-basiertes GUI-Framework steht 2025 wirklich auf dem Abstellgleis. Alle werden gepflegt, alle funktionieren, alle bekommen Updates.

Fazit: Qual der Wahl? Eher Luxusproblem!

Ja, die Auswahl nervt manchmal. Aber sie zeigt auch: Microsoft lässt Dich nicht im Regen stehen, egal für welches Framework Du Dich entscheidest. Ob 20 Jahre alte Windows-Forms-App oder brandneue Blazor-Lösung – alles läuft, alles wird supported.

Und wer weiß: Vielleicht erleben wir 2026 mit MAUI und Avalonia tatsächlich den großen Vereinheitlichungsmoment. Holger jedenfalls hofft schon seit Jahren, dass Microsoft Uno oder Avalonia aufkauft und endlich einen einheitlichen Stack daraus macht.

Bis dahin gilt: Wähl das Framework, das zu Deinem Projekt passt – und hab keine Angst vor der Vielfalt.

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