Ein Praktikant, dem man blind ein Refactoring überlässt – genau so beschreibt Patrick Schnell den aktuellen Umgang vieler Teams mit KI-Coding-Agenten. Der Gründer von schnell.digital war auf der Infinite AI Konferenz mit seinem Talk "Das letzte Codingjahr" zu Gast und zieht im Interview eine klare Linie: Vertrauen in Cloud Code oder ähnliche Tools darf niemals mit Hoffnung verwechselt werden. Wer eine neue Sprache oder ein neues Framework nicht selbst beherrscht, sollte auch nicht erwarten, dass ein Agent zuverlässig damit umgeht. Klappt es trotzdem, war es Zufall.
Damit rückt für Schnell eine alte Fähigkeit wieder in den Mittelpunkt: das Verstehen. Softwareentwicklung habe ohnehin nie primär aus Tippen bestanden, sondern aus Analyse, Abstraktion und vor allem Verifikation. Genau diese Verifikation – die Prüfung, was ein Agent tatsächlich produziert hat – werde zur zentralen Kompetenz der kommenden Jahre.
Beim Refactoring gewachsener Codebasen zieht Schnell den Vergleich zum Onboarding neuer Kolleg:innen. Niemand würde einem Werkstudenten sagen: "Refactor mal alles." Stattdessen braucht es klar geschnittene Aufgaben, definierte Bereiche und – wo verfügbar – den Plan Mode der Assistenten, der Planung und Ausführung trennt. Was früher implizit im Kopf des Teams lag, muss jetzt aufgeschrieben werden: in Guidelines, in CI/CD-Regeln, in Dateien wie CLAUDE.md. Diese Verschriftlichung sei eine der größten Hürden überhaupt, so Schnell, weil Wissen in Teams traditionell mündlich weitergegeben wird.
Seine These vom "letzten Codingjahr" meint er durchaus ernst – zumindest für einen großen Teil der alltäglichen Arbeit. CRUD-Operationen, klassische Verwaltungsapplikationen, Standardklassen mit Gettern und Settern: Diese Aufgaben ließen sich heute schon so gut spezifizieren, dass für sie kaum noch manueller Code nötig sei. Komplexe Kalkulationsalgorithmen oder Nischenlösungen bleiben davon vorerst ausgenommen.
Und Code-Reviews? Die verschwinden nicht, sie verändern sich. Auch ein zweites KI-Modell kann prüfen, was ein erstes geschrieben hat – die Verantwortung dafür trägt am Ende trotzdem der Mensch. Wer Reviews bislang eher lästig fand, dem stehen laut Schnell harte Jahre bevor: Weil Code künftig schneller und günstiger entsteht, wächst gleichzeitig der Wert der Kontrolle darüber, was davon tatsächlich taugt.
Patrick Schnell ist Gründer und Geschäftsführer der schnell.digital GmbH und bringt über 18 Jahre Erfahrung in der Software-Entwicklung mit. Als KI-Stratege begleitet er vor allem mittelständische Unternehmen auf dem Weg in die digitale Transformation, mit dem Anspruch, Technologie immer im Dienst der Menschen zu denken. Er ist O'Reilly-Autor des Buchs „ChatGPT in Softwareprojekten" und regelmäßiger Speaker auf renommierten Entwicklerkonferenzen. Seine Projekte reichen von KI-Anwendungen über agile Softwarearchitektur bis zur EU-AI-Act-Compliance. Mit schnell.digital hat er außerdem die KI-Plattform Vectense entwickelt, die KI-Automatisierung für den europäischen Mittelstand ermöglicht.
Produktion: Event Wave, Patrizio De Mitri