Wer Dr. Damir Dobric nach KI fragt, bekommt handfeste Einschätzungen aus der Praxis. Der Softwareentwickler, Architekt und Microsoft Regional Director ist zusammen mit Marco Richardson Track Chair für zwei Tracks der DWX 2026: Cloud Strategies und AI Strategies. Und die hängen enger zusammen als viele denken.
„Wir werden gezwungen, auf subtile Art und Weise neu zu denken", sagt Damir. Konkret bedeutet das: Statt sich durch PowerShell-Skripte, Bicep, Terraform oder das Azure Portal zu kämpfen, können Entwickler:innen heute einfach in ihrer Muttersprache formulieren, was sie wollen – und ein KI-Agent übersetzt das in ausführbaren Code. "Virtuelle Maschine in Deutschland, 100 MB, automatisch stoppen wenn nach zehn Minuten alles läuft." Einfach hinschreiben. Oder ins Microfon sprechen.
Denn die nächste Welle, da ist sich Damir sicher, kommt über Speech. Hyperscaler wie Microsoft drängen zunehmend in Richtung Spracheingabe. Das Prinzip ist simpel: Was heute als Text-Prompt an eine API geht, lässt sich morgen per Sprache steuern. "Wie viele Ressourcengruppen habe ich? Erstelle einen Storage Account. Melde dich, wenn der App-Service über 80% CPU liegt." – Das ist keine ferne Vision, das passiert gerade.
Weniger euphorisch ist Damir beim Thema Vibe-Coding. Ja, man komme am Anfang schnell voran – fast zu schnell. Aber dann folge das Erwachen: dreifach duplizierter Code, Refactoring ohne Netz, und ein System, das man selbst kaum noch überblickt. „Ein professionelles Shipping von Software ist immer noch ein Software-Engineering-Skill", stellt er klar. Wer nicht weiß, was CSS-Attribute oder HTML-Struktur bedeuten, wird auch mit dem besten KI-Tool keinen produktionsfähigen Code ausliefern.
Elon Musks Aussage, GROK werde Ende 2026 direkt Binaries aus Textanforderungen erzeugen, findet Dobritsch grundsätzlich nachvollziehbar – interessant ist seine persönliche Präferenz: WebAssembly als Zielformat. Standardisiert, plattformunabhängig, zukunftsfähig. Ob das das Ende klassischer Programmiersprachen bedeutet? Vielleicht irgendwann. Aber Software-Ingenieur:innen brauchen sich keine Sorgen zu machen – die Sprache ändert sich, der Beruf nicht. Assembler, BASIC, C++, C# und jetzt vielleicht Deutsch. Das ist Evolution, kein Aussterben.
Wer also noch überlegt, ob man sich mit KI beschäftigen sollte: Damir ist eindeutig. „Alle sollten es probieren." Wer KI ignoriert, wird verlieren – nicht weil die Apokalypse kommt, sondern weil der Wettbewerb einfach effizienter wird. Den Vergleich mit dem Traktor in der Landwirtschaft oder der industriellen Revolution hat er parat: Alte Jobs verschwinden, neue entstehen. Das war schon immer so.
Einen Wermutstropfen hat er aber doch: Datensouveränität. Die Idee, KI und Cloud komplett im eigenen Rechenzentrum in Deutschland zu betreiben – "dieser Zug ist fast abgefahren." Fehlende Energie, fehlende Rechenzentren, fehlende Kerntechnologie. Auch Open Source sei keine vollständige Antwort auf Abhängigkeiten, wie das jüngste Notepad++-Sicherheitsproblem zeige. Darüber müsse man reden – offen und ohne Schönfärberei.
Die gute Nachricht: Auf der DWX 2026 vom 29. Juni bis 2. Juli 2026 in Mannheim gibt es genau dafür Raum. Damir selbst kommt übrigens nicht nur zum Reden, sondern auch zum Zuhören. „Ich lerne genauso von der Audience wie die von mir auf der Bühne."